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kurzgeschichten
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Der Morgen vor 20 Jahren, der mich prägte…

Es muss vor genau 20 Jahren gewesen sein, als ich für eine Viertelstunde aufgehalten worden war…

Lediglich 15 Minuten, die mir aber wie eine Unendlichkeit vorkamen und die sich für immer in mein Gedächtnis einprägten…

Ich wohnte damals in Kreuzberg, in der Cuvrystraße… Und es war ein grauer, kalter und nebliger Morgen… Ich war auf dem Weg zur Schule, aber ich sollte heute zu spät kommen… Ich kam sonst nie zu spät…

Ich lief wie immer los, aber an der Kreuzung zur Schlesischen Straße kam ich dann nicht mehr weiter… Plötzlich befand ich mich mitten im Krieg…

Ich stand in einer Sackgasse… Hinter mir die paar Meter der Cuvrystraße, die genau am Spreeufer endete, nur durch einen kleinen Zaun getrennt von den dort unten immer patroulierenden DDR-Grenzbooten, die vor der Oberbaumbrücke immer kehrt machten und auf uns Kinder zurasten, die wir regelmäßig über den Zaun sprangen, auf einen 2 Meter breiten gemauerten Anglersteg, um diese Reaktion zu provozieren… Wir warteten dann immer auf den Höhepunkt als die Grenzer uns mit dem Megaphon anfingen zu warnen, wobei sie einfach nur hätten die Hand ausstrecken brauchen, um uns aufs Motorboot zu ziehen… Aber wir waren immer schon wieder nach oben gesprungen als wir sie die Kurve vor der Oberbaumbrücke nehmen sahen… Ein Hops und wir waren nicht mehr an der Grenze, unten einen Meter über der Spree, sondern im sicheren West-Berlin, hinter dem kleinen Zaun…

100 Meter hinter mir war also die Cuvrystraße-Sackgasse und die Spree und die DDR-Grenzer, und 100 Meter vor mir die Schlesische Straße, als ich die Gespenster an diesem grauen Morgen erblickte…

Ich war gefangen… Gefangen zwischen dem Ost- und dem Westblock… Und ich konnte weder nach hinten noch nach vorn… Ich befand mich mitten im Krieg…

Denn vor mir rollte eine gespenstische Kollone von US-Panzern… Riesige laute Monster und aus jeder Lucke jeden Panzers lugte oben ein US-Soldat in voller Montur, mit einem Helm, einer Brille und einem Gewehr… Unzählige Panzer… Unzählige Soldaten…

Für mich konnte es nur eins bedeuten… Wir befinden uns im Krieg!

Ich, tausendfach indoktriniert mit Kriegsfilmen, damals noch in einem anderem System… Mit der lebhaften Erinnerung an die Verhaftung meiner in der Danziger Werft mit Walesa arbeitetenden Onkel während des Ausnahmezustandes Anfang der 80er Jahre, die mir mitgeteilt wurde als ich gerade auf der TV-Mattscheibe das mit Panzern auf die Menschen zurollende polnische Militär sah… Ich sah jetzt und hier wieder Panzer rollen… Diesmal genau vor mir… Und darin die Soldaten mit Gewehren…

Vielleicht wäre es anders, wenn es nur Maschinen wären… Eine lange Kolonne lebloser Kriegsmaschinen… Aber nein… Da waren Menschen drin… Es waren keine leblosen Panzer wie die, auf denen ich vorher herumspielen konnte… Alte Panzerwracks aus dem 2. Weltkrieg, die in Danzig als Mahnmale eingemauert und seelenlos in den Parks herumstanden… Diese Panzer hier waren anders… Diese waren lebendig…

Und sie versperrten mir meinen Weg zur Schule… Vielleicht eine Viertelstunde lang… Aber diese für mich unendlich andauernde Viertelstunde lang befand ich mich im Krieg, in einem Niemandsland zwischen dem Osten und dem Westen…

Dabei waren wir doch gerade ein paar Jahre zuvor aus dem Ostblock ‘gen Frieden geflüchtet… Wir wollten in diesem West-Berlin frei und friedlich leben… Beschützt zwar durch das US-Militär, dass aber nicht sichtbar war… Da war nur diese Gewissheit, dass sie unserem Frieden dienten…

An diesem Morgen hörte für mich aber der Frieden auf… Es war meine erste Begegnung mit dem Krieg… Und ganz egal wie friedlich diese Aktion auch gewesen sein mag, für mich brach da der Krieg gerade aus… Diese bedrohlichen US-Soldaten hatten mich markerschütternd erschreckt… Ich ging zwar gerade zur Schule, aber ich war mir in meiner kindlichen Naivität sicher, dass ich mein Wohnhaus nur noch als Ruine vorfinden würde, wenn ich zurückkommen würde…

Ich weiß heute nicht warum diese unendliche Panzer-Kollone in Richtung Mauer rollte, was sie dort wollte, und wo sie überhaupt Platz fand, denn es sind nur noch ein paar Hundert Meter, bis dort, wo ungefähr heute das beliebte Freischwimmer-Restaurant steht, die Mauer anfing… Das US-Militär konnte wohl schlecht Übungen auf meinem, zugegeben, riesigem Spielplatz dort an der Spreekanal-Kurve am Heckmannufer machen wollen…

So bleiben mir heute die größeren Zusammenhänge unergründed… Lediglich die Erinnerung an die nach links rollenden und nicht aufhören wollenden Panzer an diesem grauen, nebligen Morgen ist unauslöschlich…

Ich wollte doch nur nicht zu spät zur Schule kommen, auch im Fall eines Krieges nicht… Aber ich kam an diesem Morgen zu spät, denn ich konnte mich nicht gegen die Macht der US-Panzer wehren… Ich konnte in diesem friedlichen West-Berlin nicht die paar Schritte über die Straße zur U-Bahn gehen… Ich hatte das Gespenst des Krieges gesehen…

Reposted fromnuhsarche nuhsarche